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Verabschiedung von Pfarrer Heinrich

Lange habe ich überlegt, wie ich wohl das Wirken des Gronauer Pfarrers Hans Karl Heinrich würdigen könnte, der dieser Tage von Gronau weg- und in den wohlverdienten Ruhestand gegangen ist.



Zum Glück hat er selbst das in der bestmöglichen Form selbst geleistet. Im "Blättche" erschien dieser Tage folgender Text:

Was uns bleibt, ist Ihm und natürlich auch seiner Frau Christa sehr herzlich für die aufopfernde Sorge um seine Gronauer zu danken !




Liebe Leserinnen und liebe Leser,

 

in einer der letzten Ausgaben einer großen Wochenzeitung stellt der Rats-vorsitzende der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) Bedford-Strohm die Frage, wie die Demokratie mit Religion umgehen kann. Er nennt fünf Ansätze des Umgangs und plädiert für den letzten, nämlich für den einer „öffentlichen Religion“.

Dazu gehöre etwa Religionsunterricht an den Schulen, öffentlich finanzierte Lehrstühle an den Universitäten für christliche, jüdische und muslimische Religion. Voraussetzung dafür sei je-doch, dass bei allen Unterschieden in der Tradition ein Konsens bestehe in Grundüberzeugungen und in Konzepten, was gutes Leben in einer freien Gesellschaft bedeutet.

Es ist sicher kein Zufall, dass er Artikel 1 des Grundgesetzes als jene Grundüberzeugung nennt, die konsensfähig ist, verdankt sich doch dieser Satz den Im-pulsen der jüdisch-christlichen Tradition.

 

Jetzt, am Ende meines Berufslebens beschäftigt mich erneut die Frage, die mich in unterschiedlichen Lebensphasen begleitet hat: Welches waren die Gründe, die mich zum Theologiestudium und in den Pfarrberuf geführt haben?

In einem totalitären System aufgewachsen habe ich relativ früh gemerkt, dass die Würde des einzelnen Menschen missachtet wurde. Nicht nur von den Machthabern, sondern auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens, in der Schule genauso, wie im Lebensmittelladen.

Machtmissbrauch war an der Tagesordnung. Etwa dann, wenn der Elternsprechtag auf Sonntagvormittag 10:00 Uhr angesetzt wurde oder ein Schulfasching als Pflichtveranstaltung an Hei-ligabend. Oder wenn beim Metzger die Dorfnomenklatura sich vor und nach den Öffnungszeiten die Fleischpakete abholte, und alle anderen nach mehrstündigem Anstehen bloß einen Suppenknochen ergattern konnten. Da kam man sich ganz elend vor, und Wut fraß sich ins Kinderherz.

Auflehnung gegen das System kam über Jahrzehnte nicht in Frage, schon gar nicht, wenn man der deutschen Minderheit angehörte. Eine Option war die äußere Emigration, denn nach den Ostverträgen erreichte irgendwann Anfang der 70-er Jahre auch die Deutschen aus Rumänien das Tauwetter in den Ost-West-Beziehungen und erste Schulfreunde, Nachbarn und Familien-angehörige wanderten in die BRD aus.

Und es gab die innere Emigration: Ein halbes Jahr vor dem Bakkalaureat (Abitur) entschloss ich mich, Theologie zu studieren.

Der Freiraum, in dem sich die Kirche trotz aller Schikanen und Diffamierungsinitiativen in dem atheistischen Staat bewegen konnte, war mir nicht verborgen geblieben. Schon als Kind und erstrecht als Konfirmand erlebte ich, wie dieser Freiraum von dem Pfarrer, der mich Weihnachten 1954 getauft und fünfzehn Jahre später konfirmiert hatte, abgesteckt wurde. Er war ein Pfarrer zum Anfassen, begegnete jeder und jedem, ob jung oder alt, ob Deutscher, Rumäne oder Roma mit der gleichen Offenheit und Freundlichkeit, zog seinen Hut vor dem Bürgermeister und dem Bettler. Für so ein Verhalten hat man als Heranwachsender ein Gespür, auch wenn Erwachsene sich daran stoßen und sich über ihren Seelsorger lustig machen.

Im Johannesevangelium sagt Jesus zu seinen Freunden: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ (Joh. 8,32) Das Studium der Evangelischen Theologie in Hermannstadt sollte meinem Fragen nach der Wahrheit neue Impulse geben. Gottes Wort, das den Tagesablauf in Morgen- und Abendandacht strukturierte, wurde für mich zum Gegenstand einer intensiven und begeisterten Auseinandersetzung mit der Entstehungs- und Wirkungsgeschichte biblischer Texte.

 

Es war eine Parallelwelt, keine heile, aber eine, in der der Geist der Freiheit ab und an spürbar wurde.

Als Gemeindepfarrer versuchte ich dann, Menschen den Zugang zu diesem Freiraum des Glaubens zu eröffnen. Und es gab jene Ereignisse, die man heute als Highlights bezeichnen würde, bei denen wir das Gefühl haben, dass der Geist Gottes am Werk ist, und wir etwas von der Freiheit der Kinder Got-tes erlebten; etwa 1983 bei dem Luther-jubiläum.

Zuweilen wurden dabei die von Macht-habern gesteckten Grenzen überschrit-ten, was unliebsame Folgen hatte. Etwa als wir in einer Berghütte mit der Ju-gendgruppe vor dem einsetzenden Re-gen Zuflucht suchten, dort aus der „Mundorgel“ Lieder sangen und ich danach mit einer Anzeige wegen Proselytismus konfrontiert wurde. Andererseits reizte es mich auch auszuloten, wo denn die Grenzen jenes Freiraums liegen, den man als evangelischer Christ und Pfarrer zu nutzen versuchte.

Die Rechnung wurde mir präsentiert, als eine Studienreise nach Israel organisiert wurde und mir die Reise versagt blieb, weil der berühmt-berüchtigte Geheimdienst „Securitate“ sein Veto eingelegt hatte. Das war bitter. Bei Nachfrage durch meinen damaligen Dekan wurde seitens der Passbehörde auf die Schwierigkeiten hingewiesen, die ich den Mitarbeitern des Geheimdienstes immer schon bereitet hätte.

Das geschah dann wohl zum letzten Mal am 20. Dezember 1989, als der für die Pfarrer zuständige „Mitarbeiter“ im Pfarrbüro auftauchte und mich ziemlich kleinlaut davon abhalten wollte, die Glocken am nächsten Tag um zwölf Uhr zu läuten. Dazu hatte der in München seine Programme ausstrahlende Sender „Freies Europa“ aufgerufen. Zusammen mit dem Sohn des Küsters läuteten wir die Glocken so lange, bis wir uns erschöpft in die Arme fielen. Mein Gefühl war unbeschreiblich: Wir hatten die Freiheit für ein geschundenes Volk und Land eingeläutet.

Sechs Jahre später erfolgte unsere „äußere“ Emigration. Als letzte aus dem Kreis unserer engen Familie, unserer Schulfreunde, verließen wir die uns sehr fremd gewordene Heimat. Und obwohl die kurhessische Landeskirche just damals die Reduzierung der Pfarrstellen beschlossen hatte, durfte ich in Gronau, in einem freien Land von freien Bürgern den Pfarrdienst fortsetzen. Es tat richtig gut mit Menschen zusammen zu arbeiten, zu leben, zu trauern, zu feiern, denen die Freiheit gewissermaßen in die Wiege gelegt worden war, für die das Selbstbestimungsrecht die größte Selbstverstänlichkeit ist, auch was ihren Glauben angeht.

Es war auch Herausforderung: Mich auf einen pfarramtlichen Dienst einzustellen, der zielgruppenorientiert ist, und der von vielen als Dienstleistung angesehen wird, die bei Bedarf in Anspruch genommen wird. Meinem Vertrauen in die Kraft der Liebe und der Menschenfreundlichkeit Gottes hat das jedoch, nach meiner Einschätzung, keinen Abbruch getan. Im Gegenteil, ich durfte erleben, dass ich, je länger ich da war, mich immer mehr zu den Menschen dazuzählte, die hier am Unterlauf der Nidder leben.

Nun waren es nicht primär die Freiräume des Glaubens, in die ich zu begleiten versuchte, sondern es waren eher Orte der Unterbrechung, der Zuflucht, wo Menschen, denen Beruf, Familie und Freizeitgestaltung viel abverlangen, Rast halten können, eine erholsame Pause einlegen, im wahrsten Sinne des Wortes Neuschöpfung (französisch: récréation) erfahren und zu sich selbst und zu Gott finden können.

Diese Orte, an denen ich das Gefühl hatte, dass Gott uns nahe ist, aufzuzählen, würde sicher den Rahmen dieses ohnehin viel zu langen Beitrags sprengen. Vielmehr möchte ich allen danken, die mich in zwanzig Jahren auf der Suche nach diesen Orten unterstützt und begleitet haben! Menschen in Gronau und Niederdorfelden, mit denen ich erleben durfte, das es schön ist, gemeinsam als Christen in dieser unserer rastlosen Zeit unterwegs und beheimatet zu sein. Und es tut gut, damit zu rechnen, dass der Glaube uns Freiräume und Orte finden lässt, an denen wir Gottes Gegenwart spüren und in unseren Mitmenschen die Schwester, den Bruder erkennen, denen der Schöpfer die gleiche Würde zugedacht hat, wie einem jeden von uns.

So grüßt Sie/Euch von ganzem Herzen

Ihr / Euer

Hans K. Heinrich